Nun klappert's wieder
2007 könnte ein Super-Storchenjahr werden. Davon ist Hans Zöllick überzeugt, der seit 35 Jahren „Rotstrümpfe“ zwischen Doberan und Ribnitz-Damgarten beobachtet.
Bad Doberan (OZ) Storch, Storch bester, bring mir eine Schwester – wer kennt ihn nicht, diesen alten Kinderreim. Auch Jessica aus Benitz bei Rostock rief den Vers immer wieder. „Und jetzt hat meine Mutti ein Baby im Bauch“, freut sich die Siebenjährige. Kein Wunder, denn in dem kleinen Ort an der Warnow brütet seit Jahren ein Storchenpaar. Anwohner hatten sich gewünscht, dass in ihrem Dorf die Rotschnäbel klappern sollten – und ein bisschen nachgeholfen.
„Wir nahmen Kontakt zu Storchenvater Zöllick auf“, sagt Hans Storn, der mit seiner Frau 1994 nach Benitz zog. Hans-Heinrich Zöllick befasst sich seit mehr als 35 Jahren in der Region Rostock, Bad Doberan und Ribnitz-Damgarten mit den „Rotstrümpfen“. Er riet den Benitzern, wo der Mast mit der Nisthilfe aufgestellt werden sollte, damit Adebar ihn ohne Hindernis anfliegen könnte. Und gab auch Tipps, wo Fördermittel für die Nisthilfe der unter Naturschutz stehenden Zugvögel zu holen sind.
Es klappte: Seit 1995 kommen jedes Jahr Störche nach Benitz und ziehen zumeist auch Junge auf. Davon kündet eine Tafel, die die Dorfbewohner aufstellten und regelmäßig aktualisieren. „Ankunft 30. 3.“ buchstabieren Jessica und ihre Freundin Marie die neueste Eintragung. Zwei Wochen früher als im Vorjahr traf das Männchen in diesem Jahr ein und bereitete alles für die Ankunft des Weibchens vor.
Auch Dr. Stefan Kroll ist mit dem „Storchen-Virus“ infiziert. Ihm wurde die Liebe zu den schwarzweiß gefiederten Gesellen praktisch in die Wiege gelegt. „Ich wuchs in Buxtehude bei Hamburg in der Nähe eines Storchennests auf“, erzählt der 41-Jährige, der an der Rostocker Universität arbeitet und in Sildemow wohnt. Auch Kroll profitierte im vorigen Jahr ganz privat vom Erfahrungsschatz des Landeskoordinators des Arbeitskreises Weißstorch. „Ich wollte mit meinem Sohn die Natur erkunden und Störche beobachten. Herr Zöllick hat uns erzählt, wo es überall Brutpaare gibt.“
Daraus entwickelte sich ein Projekt, das heute auf dem Landesstorchentag in Karow am Plauer See vorgestellt wird – ein Internet-Informationssystem zu allen Weißstorch-Horsten in Rostock und im Landkreis Bad Doberan. Die Homepage www.stoerche-doberan.de bietet seit ein paar Wochen Texte, Bilder, Statistiken und sogar Hinweise auf die Lage der Nester. Jeder der 135 Horste in der Region kann per Mausklick angesteuert werden. Dann öffnet sich eine eigene Seite, häufig mit Fotos und Angaben, in welchem Jahr dort wie viel Junge aufgezogen wurden. Zum Teil gehen die Daten bis auf 1901 zurück.
Monatelang steckten Stefan Kroll und sein Freund Jan Haeupel viel Freizeit in die Aufarbeitung der Chronik, die Hans-Heinrich Zöllick in all den Jahren zusammentrug. Der 82-Jährige freut sich, dass so von seinem umfangreichen Archivmaterial nichts verloren geht.
Noch heute steuert der 82-Jährige von März bis September rund 140 Nester selbst mit dem Auto an, notiert welche Horste besetzt sind, wie viel Junge schlüpfen – und fotografiert. Er besitzt Fotos aus der Nachkriegszeit sowie aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren. „In dieser Komplexität dürfte das einmalig sein“, urteilt Dr. Kroll, der an der Uni einen Bereich für Multimedia und Datenverarbeitung leitet.
Das Interesse an der Internet-Plattform ist groß. Pro Tag klicken etwa 50 Besucher die Seite an, sogar schon aus Amerika und Ungarn. Besonders freut sich das kleine Team über Informationen anderer Storchenbeobachter. „Wir rufen Naturfreunde in Rostock und im Landkreis Bad Doberan zur Mitarbeit auf“, sagt Kroll. Wer Ankunftsdaten der Altstörche notiert hat oder Besonderheiten wie einen beringten Storch sieht, kann sich mit Hans Zöllick (Tel.: 0381/202 11 64) oder Stefan Kroll (stefan.kroll@uni-rostock.de) in Verbindung setzen.
Kroll und Haeupel stecken voller Ideen. „Es wäre schön, wenn das Projekt auf weitere Landkreise erweitert würde.“ Auch Radtouren zu den Storchennestern könnte man organisieren. Doch damit stoßen sie zeitlich an ihre Grenzen. Naturfreunden in anderen Regionen bieten sie aber an, sie bei ähnlichen Projekten zu unterstützen.
„2007 könnte ein Super-Storchenjahr werden“, hofft Hans-Heinrich Zöllick. Nach dem milden Winter kehrten viele Störche deutlich eher als üblich aus dem Süden zurück. „Je früher der Brutbeginn, desto kräftiger werden die Jungen“, besagt Zöllicks Erfahrung.
ELKE EHLERS
Quelle: Ostseezeitung, 14.4.2007