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Einer ist noch da... (Update)


Broderstorf, 11.10.14


Westlich von Broderstorf, 11.10.14

Nachdem sich die (vermeintlichen) Notrufe per Telefon, E-Mail oder auch über die Rettungsleitstelle des Landkreises in den letzten Tagen häuften - angeblich sei ein verletzter Storch in Broderstorf dringend hilfsbedürftig - war ich am gestrigen Samstag nochmals vor Ort. Ich traf den Jungstorch HN061, den wir im Juni im Nest Broderstorf I beringt haben, putzmunter auf einem Hausdach mitten im Wohngebiet an. Es hatte den Anschein, dass er dort vielleicht auf die nächste Fütterung wartete... Kurz darauf überlegte er es sich jedoch anders und flog elegant in Richtung einer großen Wiese ab, an deren Rand er sich dann auf einem großen, abgedeckten Haufen Strohballen niederließ - in Nachbarschaft zu einem dort ruhenden Mäusebussard. Einmal mehr zeigte sich: der Broderstorfer Storch ist weder verletzt noch hilfsbedürftig.

Einer ist noch da...


Foto: G. Vogel, 18.9.14

Seit nunmehr über einem Monat erhalte ich von verschiedenen besorgten Tierfreunden immer wieder Hinweise, dass im Bereich Broderstorf/Neu Broderstorf regelmäßig ein Storch gesichtet werde. Recherchen vor Ort und auch Fotos haben ergeben, dass es sich um einen diesjährigen Storch vom Nest Broderstorf I handelt. Er trägt den Ring DEH HN061. Seine beiden Geschwister und auch die beiden Elternvögel sind bereits Ende August in den Süden aufgebrochen. Was hält den Jungstorch, der voll flugfähig ist und allenfalls einen etwas staksigen Gang aufweist, hier bei uns? Leider hat sich herausgestellt, dass er in einer Kleingartenkolonie regelmäßig zugefüttert wird. Dadurch ist er mittlerweile recht stark auf den Menschen geprägt - während ihn sein angeborener Zugtrieb eigentlich in den Süden lenken müsste. Um es klar zu sagen - dies ist falsch verstandene Tierliebe, denn der junge Storch hat zu keiner Zeit unter Futtermangel gelitten, und er war auch nicht ernsthaft verletzt. Auch jetzt findet er auf den Ackerflächen reichlich Nahrungstiere. So lange keine geschlossene Schneedecke entsteht und der Boden hart gefroren ist, wird er sich auch weiterhin sehr gut allein versorgen können. Und auch dann ist es einem Storch ohne Weiteres möglich, ein paar Hundert Kilometer nach Südwesten zu fliegen, wo er in der Regel durchgängig mildes Wetter antrifft. Es wäre auf jeden Fall das Beste, wenn die Fütterungen dauerhaft eingestellt würden und der Storch es lernt, sich vollständig allein aus der Landschaft zu ernähren. Aus dem letzten Winter wissen wir von einem Jungstorch aus Rederank, der erst im September aufbrach und sich dann den gesamten Winter über im Münsterland aufgehalten hat - so weit man weiß als Alleinversorger!

Auf in den Westen...

In den letzten Tagen erreichten uns zwei Meldungen von Störchen, die nicht die für unsere Störche sonst übliche Südostroute über den Bosporus eingeschlagen haben, sondern in westliche bzw. südwestliche Richtung gezogen sind. Für die Störchin Hiddensee L975 ist das nichts Neues, sie überwintert schon seit einigen Jahren in Nordrhein-Westfalen. Zuletzt hatte sie offenbar ihr Herz für den Raum Mönchengladbach entdeckt, und dort ist sie auch jetzt wieder gesehen worden. Eine weitere Meldung erreichte mich heute aus dem wenige Kilometer entfernten Ort Jüchen. Ob sie in diesem Jahr erfolgreich gebrütet hat, ist leider bisher unbekannt - auf jeden Fall wurde sie im Sommer wieder - wie seit vielen Jahren - in der Nähe der Storchenpflegestation Verden-Dauelsen (Niedersachsen) beobachtet.


Hiddensee BA002770. Foto: R. Brune, Harklenbeck, 17.8.2014

Weitaus ungewöhnlicher ist der zweite Fall. Er betritt einen 2013 aus einer Spätbrut in Alt Quitzenow/GÜ geschlüpften Storch, der zu schwächlich war, um im vergangenen Jahr den Weg in den Süden anzutreten. Der Vogel erhielt den Alu-Ring mit der Nummer BA002770 und kam zur Pflege in den Zoo Rostock. Wegen der notwendig werdenden Unterbringung im Winterquartier des Zoos musste die Armschwingen ein Stück weit gekürzt werden. Dementsprechend präsentierte sich der Storch auch noch im April dieses Jahres flugunfähig. Er kam bald danach ins Freigehege zu den invaliden Zoo-Störchen. Offenbar wuchsen die Schwingen besser und schneller als gedacht nach. Jedenfalls verschwand er unerkannt, als vor einigen Wochen die Zugzeit anbrach. Umso größer war die Überraschung und Freude, als aufmerksame Beobachter ihn von Mitte August an für etwa 3 Wochen in der Nähe von Harklenbeck, südlich von Hannover, beobachteten und ich über einige Umwege davon erfuhr. BA002770 hatte Anschluss an einen Trupp anderer Störche gefunden und sich offenbar schon ein wenig mit einem schwedischen Ringstorch angefreundet. Nachts schlief er auf einem Hausdach, wo dann auch der langjährige Hannoveraner Storchenexperte R. Löhmer am 7.9. seinen Ring ablesen konnte. Der auf dem Foto zu erkennende braune Ring zeugt noch von seiner Zeit im Rostocker Zoo, von wo er sich nun quasi selbst ausgewildert hat...

Ende der Storchensaison naht - letzte Auswilderung


Neugierig schauen die beiden bei Marlow ausgewilderten Jungstörche in den Himmel - dort kreisen Artgenossen. Foto: B. Becker, 30.8.14

Nahezu alle Störche haben uns inzwischen verlassen. Nur ganz vereinzelt werden jetzt noch Beobachtungen von den "Rotstrümpfen" gemeldet. In Rosenhagen hatte ein Jungstorch aus einer Spätbrut den Anschluss verpasst - die Altvögel waren bereits am letzten Wochenende auf den Zug gegangen. Schnell stellte sich heraus, dass hier wieder einmal gut gemeinte Tierliebe das Gegenteil bewirkt hat. Der Jungstorch, selbst bereits seit fast 3 Wochen flügge, ist im Dorf intensiv gefüttert worden. Wir fanden ihn auf einer Terrasse, durchs Fenster eines Wohnhauses blickend. Die Fluchtdistanz gegenüber Menschen betrug nur ein oder zwei Meter - alles keine guten Voraussetzungen für einen Wildvogel, der sich eigentlich sehr gut allein versorgen kann. Mit einigem Aufwand gelang es, den Jungstorch einzufangen. Zusammen mit einem anderen Jungstorch aus Schwetzin/GÜ, der nach einem Zusammenprall mit einem Motorrad im Zoo Rostock gesund gepflegt worden war, haben wir ihn gestern im Nahbereich des Vogelparks Marlow freigelassen. Beide Störche wurden beringt (HN867 bzw. HN868) und können jetzt frei entscheiden, ob sie sich in Marlow noch Artgenossen anschließen, die jetzt noch spät in den Süden ziehen oder ob sie doch lieber die Fütterungen im Vogelpark bevorzugen. Während der Auswilderung kreisten gleich vier Störche über den Köpfen der Youngster, die interessiert hochschauten und sich schon bald anschlossen. Der Vogelpark Marlow mit seinen vielen Störchen ist nicht nur ein Magnet für menschliche Besucher, sondern zieht auch immer wieder neugierige Wildstörche an, wie bereits zahlreiche Ringablesungen ergeben haben.

Abzug der Störche ist in vollem Gange - Auswilderung bei Neuhof/Parkentin


Drei von vier bei Neuhof/Parkentin ausgewilderten Störchen. 20.8.14

Nachdem wir mittlerweile in der zweiten August-Hälfte angelangt sind, ist der Abzug der Störche in ihre Winterquartiere in vollem Gange. Von der großen Masse der früh geschlüpften Jungstörche sind die meisten bereits in der ersten August-Dekade auf den langen und gefährlichen Zug gegangen. So verließen die Tessiner Jungstörche ihren Horst am 2. bzw. 6. August, während die Altvögel dort letztmalig am 10. August beobachtet wurden. Am Nest Schwaan II blieben die Altvögel bis zum 11. August, der Nachwuchs machte sich bereits eine Woche zuvor auf den Weg. Dass dieser nicht immer direkt in Richtung Afrika oder Spanien führt, zeigen interessante Ringablesungen des Schwaaner Jungstorchs DEH HN084. Er wurde erstmals am 9. August und dann auch am 19. August in Schadeland nahe der Grenze zu Schleswig-Holstein abgelesen. Dort hat er sich offenbar mit den drei einheimischen Jungstörchen vergesellschaftet. Demgegenüber sind in den letzten Tagen vielerorts noch Jungstörche auf den Nestern beobachtet worden, deren Eltern erst mit der zweiten Rückkehrerwelle um den 20. April herum eingetroffen waren. Starker Südwestwind hat sie zusätzlich noch zurückgehalten. Und auf dem Horst in Groß Bölkow sind die beiden erst Mitte Juni geschlüpften Jungvögel gerade einmal kurz vor dem Flüggewerden.
Heute wurden nun auch vier Jungstörche in die Freiheit entlassen, die sich zwischenzeitlich in der Obhut des Zoos Rostock befunden hatten. Ihre Schicksale sind dabei ganz unterschiedlich. DEH HN095 war ursprünglich in Grammow aus dem Nest abgeworfen worden, dann im Zoo Rostock aufgepäppelt und in Satow erfolgreich eingehorstet worden. Leider verunglückte das Stiefgeschwister tödlich und HN095 wurde geschwächt in der Nähe des Horstes aufgegriffen. Jetzt unternimmt er einen zweiten Anlauf in die Freiheit. DEH HN865 stammt aus dem Nest Rostock Zoo I - fürsorgliche Tierpfleger hatten ihn vorsorglich aus dem Luchsgehege geholt, ansonsten wäre sein Leben wahrscheinlich sehr kurz gewesen. Jetzt war er der kräftigste der vier ausgewilderten Störche und erhob sich sofort zu einer großen Runde in die Lüfte. Die anderen drei taten es ihm wenig später nach - ein toller Anblick! Dazu zählte auch DEH HN864, der im Alter von 6 bis 7 Wochen in Kuhs/GÜ flugunfähig aus dem Nest gerutscht war. DEH HN866 aus Groß Wokern/GÜ musste dagegen Anfang August mit zahlreichen blutigen Verletzungen aus dem Horst geholt werden, nachdem das Nest und mitten darin der Jungstorch massiv von Fremdstörchen angegriffen worden war.

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