Die Situation des Weißstorchs im Landkreis Bad Doberan 2006

Bestand und Bruterfolg

Der Landkreis Bad Doberan ist Teil des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, das seit vielen Jahren nach Brandenburg die zweitgrößte Weißstorch-Population in Deutschland aufweist. Die Storchendichte (Horstpaare pro Quadratkilometer) betrug hier 2005 4,7. Damit lag Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern hinter den Landkreisen Nord- und Ostvorpommern an dritter Stelle. Das Jahr 2005 war - wie zuletzt 1997 - ein ausgeprägtes Störungsjahr, in dem es überall in Nord- und Ostdeutschland zu einem deutlichen Rückgang der Brutpaare und zu einer sehr geringen Anzahl ausfliegender Jungstörche kam. Als Hauptursache gilt die Tatsache, dass viele Weißstörche sehr viel später als üblich aus ihren afrikanischen Winterquartieren zurückkehrten, wodurch es in vielen Nestern zu einem verspäteten Brutbeginn oder sogar einem völligen Ausbleiben des Brutgeschäfts kam. Auch im Landkreis Bad Doberan ging die Zahl der brütenden Paare von 91 im Jahr 2004 auf 64 zurück, während sich die Anzahl der flügge gewordenen Jungstörche gleichzeitig von 154 auf 77 halbierte. Damit bewegte sich der Bestand an Brutpaaren 2005 wieder in der Nähe des historischen Tiefststandes, der - soweit die Zahlen bekannt sind - in den späten 1980er-Jahren erreicht und von einer deutlichen Aufwärtsentwicklung seit etwa 1990 abgelöst worden war. Nun kommen einzelne Störungsjahre immer wieder vor und bieten für sich genommen noch keinen Grund zur Besorgnis, da sie in der Regel durch folgende, bessere Jahre wieder ausgeglichen werden. Allerdings konnten 2006 mit 66 nur unwesentlich mehr Brutpaare als im Vorjahr gezählt werden, während die Anzahl ausfliegender Jungstörche immerhin um knapp 50 % auf 112 zunahm. Eine weitere Statistik , in der die Anzahl aller "Neststörche" (Horstpaare mal zwei plus ausfliegende Jungstörche plus Einzelstörche mit Horstbindung) berücksichtigt ist, bestätigt den überwiegend negativen Eindruck (vergleichbare Zahlen für das gesamte Bundesland fehlten Ende September 2006 noch). Es bleibt also abzuwarten, ob 2006 für den Bestand an Brutpaaren nur ein zweites Ausreißerjahr nach unten war oder ob es bereits zu einer Trendumkehr gekommen ist. Anlass, die zweite Prognose für wahrscheinlicher zu halten, besteht. In den letzten zehn Jahren überschritt die durchschnittliche Anzahl der pro Horstpaar ausfliegenden Jungen im Landkreis Bad Doberan nur zweimal (1998 und 1999) den Wert von 2,0, der von den Weißstorchforschern als absolutes Minimum für eine sich selbst tragende, stabile Population angesehen wird. In den übrigen Jahren wurde dieser Wert zumeist deutlich verfehlt, 2006 betrug er 1,70 nach zuvor 1,20 im Jahre 2005. Stets lagen die JZa-Werte im gesamten Bundesland höher. Außerdem ist erkennbar, dass sich die naturräumlichen Bedingungen für den Weißstorch im Landkreis Bad Doberan - trotz verschiedener Gegenmaßnahmen - langfristig verschlechtert haben.

Ein gewisser Ausgleich dürfte bisher durch Zuzüge aus anderen Regionen und Ländern entstanden sein. Vor allem in Polen, dem Land mit der momentan weltweit größten Weißstorchpopulation, hat sich die Zahl der Brutpaare zwischen den weltweiten Zählungen 1994 und 2004 deutlich nach oben entwickelt. Allerdings lässt sich die Annahme eines verstärkten Zuzugs aus dem Osten praktisch nicht nachweisen, denn sowohl in Polen als auch in den meisten anderen osteuropäischen Ländern werden seit langem nur sehr wenige Weißstörche beringt. Auch im Landkreis Bad Doberan und den benachbarten Landkreisen wurden in den letzten 20 Jahren nur vereinzelte Beringungen vorgenommen. Demzufolge ist es nicht verwunderlich, dass hier gegenwärtig nur sehr selten beringte Altstörche anzutreffen sind.

Der Bruterfolg der Weißstörche ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Dazu zählt neben dem Nahrungsangebot, den Witterungsverhältnissen (vor allem in den für die Jungenaufzucht wichtigsten Monaten Mai und Juni), dem Auftreten von Störungen am Horst (z. B. durch menschliche Einflüsse oder fremde Störche) sowie dessen Beschaffenheit und Lage auch der Zeitpunkt der Rückkehr aus den Überwinterungsgebieten. Die Auswertung von insgesamt 224 Ankunftsdaten aus den Jahren 2000 bis 2006 für den jeweils zweiten Altstorch, dessen Anwesenheit Voraussetzung für einen bald folgenden Brutbeginn ist, hat eindeutige Ergebnisse hervorgebracht. So lag der JZa-Wert bei Ankunftsdaten bis zum 10. April zwischen 2,24 (1. bis 5. April) und 2,33 (6. bis 10. April), während er anschließend von 1,54 (11. bis 15. April) über 1,40 (16. bis 20. April) auf 1,36 zurückging. Bei Ankunft des zweiten Weißstorchs erst im Mai sank der Wert drastisch auf nur noch 0,21. Auch andere Zahlen zum Bruterfolg in Abhängigkeit vom Rückkehrdatum sind aufschlussreich: Bei Ankunft bis zum 5. April bestand statistisch gesehen eine mehr als 50 prozentige Wahrscheinlichkeit für drei oder mehr ausfliegende Jungstörche, während durchschnittlich nur 29,5 % aller 224 erfassten Brutpaare einen solchen Erfolg erzielten. Von der grundsätzlich gültigen Gleichung: je später das Ankunftsdatum des zweiten Weißstorchs desto geringer die Aussicht auf drei oder mehr flügge Jungstörche wich lediglich die Periode 21. bis 30. April geringfügig ab. Auffällig ist ferner, dass die 15 erfassten vier- bzw. fünffachen Bruterfolge immer mit einer vorherigen Rückkehr des zweiten Brutstorchs vor dem 10. April verbunden waren.

Umgekehrt stieg die Wahrscheinlichkeit für eine erfolglose Brut von 17,6 % (Ankunft bis zum 31. März) über 32 % (16. bis 20. April) bis auf 78,6 % (Ankunft nach dem 30. April) kontinuierlich an - bei einem Gesamtdurchschnittswert von 27,2 %. Einen positiven Ausreißer stellt der Ankunftszeitraum 6. bis 10. April dar. Nur drei von 33 erfassten Brutversuchen (= 9,1 %) endeten hier ohne Erfolg. Gleichzeitig war auch der JZa-Wert mit 2,33 am höchsten. Als Gründe für diese besonders positiven Werte können einerseits im Allgemeinen günstigere Witterungsverhältnisse nach dem ab etwa Mitte Mai erfolgten Schlüpfen der Storchenküken und andererseits das Nachlassen von Horstkämpfen zu diesem etwas späteren Zeitpunkt der Brutsaison angenommen werden. Die JZm-Werte bestätigen die beschriebenen Verhältnisse.

Ohne messbare Bedeutung für den Bruterfolg ist die jeweilige Horstunterlage. Mit Abstand am häufigsten sind 2006 Nistmasten (51) vertreten, gefolgt von Schornsteinen (7), Hartdächern (3), Bäumen und Elektromasten (je 2) sowie Weichdächern (1).

 

Räumliche Verteilung

Die räumliche Verteilung der einzelnen Storchenhorste im Landkreis Bad Doberan (und in der Hansestadt Rostock) ist anhand verschiedener Karten dargestellt. Berücksichtigt sind dabei nur diejenigen Standorte, an denen seit dem Jahr 2000 in mindestens einer Brutsaison mindestens ein "Neststorch" mit Horstbindung anwesend war. Neben diesen 135 Storchenhorsten gab und gibt es noch zahlreiche weitere Nester und Nisthilfen, die jedoch seit dem Jahr 2000 unbesetzt blieben. Sie wurden in den Karten nicht berücksichtigt.

Nur auf den ersten Blick ergibt sich der Eindruck einer relativ gleichmäßigen, weiträumigen Verteilung. Die aktuelle Karte für das Jahr 2006 weist jedoch wie alle anderen Karten farbliche Markierungen auf, die Beachtung verdienen. Lediglich die 75 rot-, orange- und braunfarbigen Markierungen zeigen besetzte Horste an, während die übrigen 60 Standorte den Status "Hu" (unbesetzter Horst) aufweisen. Die unterschiedliche Einfärbung dieser Standortmarkierungen zeigt an, ob das jeweilige Storchennest letztmalig 2005, 2004 oder aber in einem der vier davor liegenden Jahre besetzt war. Es ist erkennbar, dass es in den nördlichen, küstennahen Teilen des Landkreises Bad Doberan nur sehr vereinzelt Brutpaare gibt. Darüber hinaus sind zwar hier und dort kleinere Häufungen feststellbar, deutlich ausgeprägte Konzentrationen gibt es jedoch keine. Mehr Aufschluss bietet die Verteilung von "Neststörchen" auf die zwölf Ämter des Landkreises sowie die Hansestadt Rostock, wie sie in einem entsprechenden Diagramm vorgenommen wurde. Dieses zeigt zugleich die Entwicklung in den Jahren 2000 bis 2006 an. Danach waren in der Brutsaison 2006 die Ämter Warnow Ost, Carbäck, Tessin, Satow, Schwaan und Kröpelin besonders storchenreich. Sehr wenige Störche wurden demgegenüber im Amt Bad Doberan Land sowie in den Gebieten der Städte Rostock und Bad Doberan gezählt. Keine Weißstorch-Brutpaare gab es in den amtsfreien Städten Neubukow und Kühlungsborn sowie in der gleichfalls amtsfreien Gemeinde Graal-Müritz. Deutlich wird anhand des Diagramms auch, dass der für den gesamten Landkreis und die Hansestadt Rostock mäßig stark ausgeprägte Aufschwung von 2005 zu 2006 auf keiner einheitlichen Entwicklung basiert. Er stützt sich im Wesentlichen nur auf eine Steigerung (bzw. Erholung gegenüber den massiven Verlusten von 2004 auf 2005) in den mittleren Ämtern Warnow Ost, Carbäck, Rostocker Heide und Schwaan, in der Stadt Rostock sowie als "westlicher" Ausreißer auf eine Zunahme im Amt Kröpelin. In den beiden östlichen Ämtern Tessin und Sanitz sowie im traditionell sehr storchenreichen Amt Satow fiel die Bilanz des Jahres 2006 ähnlich schlecht wie die des "Störungsjahres" 2005 aus. Im westlichsten Amt Neubukow-Salzhaff, das allerdings 2005 relativ glimpflich davongekommen war, sank die Anzahl der "Neststörche" 2006 sogar weiter um vier auf nur noch 16.

Der Vergleich zwischen den Jahren 2000/2001 und 2005/2006 fällt für das Amt Bad Doberan Land zusammen mit dem Gebiet der Stadt Bad Doberan besonders negativ aus. Der durch die Großmelioration der Conventer Niederung seit den 1970er-Jahren zu beobachtende starke Rückgang der Weißstorchpopulation hat sich in diesem Teil des Landkreises offensichtlich nochmals verschärft. Auf der anderen Seite der Bilanz steht die positive Entwicklung im Amt Schwaan, wo es im Mittel der beiden landkreisweit schwachen Jahre 2005 und 2006 gegenüber den starken Jahren 2000 und 2001 sogar noch zu einer Zunahme der "Neststörche" gekommen ist.

Eine weitere Karte, in der die Belegung und die Kontinuität des Bruterfolgs in den Jahren 2000 bis 2006 für jeden Horst dargestellt ist, verdeutlicht die sehr unterschiedliche Wertigkeit der einzelnen Standorte. Zur absoluten Spitzengruppe zählen insgesamt 17 Nester (Kröpelin I und III sind zusammengerechnet, da dort sehr wahrscheinlich nur Standortwechsel), in denen ungeachtet aller übergreifenden Ereignisse und Entwicklungen in jedem Jahr ein Bruterfolg erzielt wurde. 27 weitere Nester erreichen die Einstufung "häufiger Bruterfolg". Hier gab es entweder in fünf von sieben Jahren mindestens einen ausfliegenden Jungstorch und in den beiden übrigen Jahren einen "HPo"-Eintrag oder - in Detershagen und Woltow - nur ein "Ausreißerjahr" nach unten (mit "HE" bzw. "Hu") bei ansonsten kontinuierlichem Bruterfolg. Auch eine dritte Gruppe von elf Nestern, die in jedem Jahr von einem Storchenpaar besetzt waren, dabei aber nur wechselhaften Bruterfolg "vermelden" konnten, ist noch zum "Kernbestand" von momentan 55 ständig besetzten Nestern zu zählen. Es folgen 34 Storchenhorste, die in den vergangenen sieben Jahren meistens (in mindestens vier Jahren) von einem Brutpaar besetzt waren sowie 21 sporadisch (in mindestens zwei von sieben Jahren) besetzte Nester. Die letzte Gruppe ("sonstige Standorte") bilden 24 Horste, bei denen seit 2000 zumindest einmal ein Einzelstorch mit Nestbindung statistisch festgehalten worden ist.

Schließlich weist eine dritte Karte die Anzahl der seit dem Jahr 2000 pro Storchenhorst ausgeflogenen Jungstörche aus. Besonders hier werden gravierende Unterschiede zwischen den einzelnen Nestern deutlich. Am erfolgreichsten waren die Weißstörche an den Standorten Schmadebeck I, Hohen Luckow (je 22 Jungstörche), Lieblingshof (21) und Detershagen (20). Den für den Erhalt der Storchenpopulation wichtigen Grenzwert JZa = 2,0 erreichten oder überschritten über einen Zeitraum von sieben Jahren insgesamt 24 Standorte. Dazu zählt momentan auch (noch) Lehnenhof, wo in den Jahren 2000 bis 2004 insgesamt 15 Jungstörche flügge wurden. Lehnenhof ist deshalb ein besonders interessanter Fall, weil hier die Bedeutung auch einzelner, individueller Störche für den Bruterfolg deutlich gemacht werden kann. Im Lehnenhofer Nest brütete in jedem Jahr zwischen 1986 und 2004 der gleiche, 1980 im benachbarten Ort Friedrichsdorf beringte, männliche Weißstorch. In 19 Jahren zog dieses sicher außergewöhnliche Exemplar zusammen mit seiner jeweiligen Partnerin 41 Jungstörche groß. Mit seinem Ausbleiben 2005 und 2006 blieb auch das Nest insgesamt unbesetzt. Durch die Tatsache, dass seit vielen Jahren fast alle im Landkreis Bad Doberan brütenden Weißstörche unberingt sind, lässt sich leider der Einfluss einzelner Individuen oder Brutpaare auf den Bruterfolg - wie auch etwa die Frage nach der Partnerschafts- und der Standorttreue - nicht klären. Dennoch ist davon auszugehen, dass die Entwicklung der naturräumlichen Bedingungen (an erster Stelle steht hier das Nahrungsangebot) insgesamt die größte Bedeutung für die Entwicklung der Weißstorch-Population besitzen.

Außer Lehnenhof steht eine Reihe weiterer Storchenhorste auf einer Liste ehemals erfolgreicher, jetzt offenkundig dauerhaft gefährdeter Standorte. Dazu zählen unter anderem Allershagen, Brodhagen, Buchholz, Danneborth, Hanstorf, Klein Siemen, Neu Wendorf, Nienhagen/HRO, Rabenhorst, Rövershagen, Steffenshagen, Thulendorf II und Vorder Bollhagen. Als erfreulich ist demgegenüber die Entwicklung an den Horststandorten Berendshagen (Neuansiedlung 2001), Biendorf (neu 2004), Moitin, Parkentin, Rukieten, Schwaan II und mit einiger Vorsicht auch Beselin (neu 2004) zu beurteilen.

 Stefan Kroll